Der jüngste “Living Planet”-Bericht des WWF liest sich erschreckend: Ein Rückgang der Wildtierpopulationen um 60 % seit 1970, der Zusammenbruch der Ökosysteme und dadurch eine hohe Chance, dass die menschliche Spezies auch massiv betroffen sein wird. Der Bericht betont wiederholt, dass der Konsum der Menschheit für dieses Massensterben verantwortlich ist, und die Journalisten haben die Botschaft schnell verstärkt. Die Schlagzeile des Guardian lautet: Die Menschheit hat 60% der Tierpopulationen vernichtet, während die BBC titelt: Massenverlust an Wildtieren durch menschlichen Konsum. Kein Wunder: Im 148-seitigen Bericht taucht das Wort „Menschheit“ 14 Mal und „Konsum“ bemerkenswerte 54 Mal auf. Es gibt jedoch ein Wort, das kein einziges Mal vorkommt: Kapitalismus.

von Anna Pigott; aus theconversation.com, 1. November 2018,
deutsche Fassung aus sozialismus.ch, 7. November 2018

Es mag den Anschein haben, dass zur Zeit nicht der richtige Moment ist über Semantik zu streiten, wenn 83% der Süßwasserökosysteme der Welt zusammenbrechen (eine weitere erschreckende Statistik aus dem Bericht), Und doch, wie der Ökologe Robin Wall Kimmerer geschrieben hat: “finding the words is another step in learning to see” – die richtigen Worte zu finden ist ein weiterer Schritt des Erkennens.

Obwohl der WWF-Bericht die Worte fast findet, indem er Kultur, Ökonomie und unnachhaltige Produktionsmodelle als Hauptprobleme identifiziert, versäumt er es, den Kapitalismus als den entscheidenden (und oft kausalen) Zusammenhang zwischen diesen Dingen zu benennen. Der Bericht hindert uns dadurch daran, die wahre Natur des Problems zu erkennen. Wenn wir es nicht benennen, können wir es nicht angehen: Es ist wie das Zielen auf ein unsichtbares Ziel.

Warum Kapitalismus?

Der WWF-Bericht hebt zu Recht „explodierenden menschlichen Konsum“ und nicht das Bevölkerungswachstum als Hauptursache für das Massensterben hervor, und er geht sehr weit, um den Zusammenhang zwischen Konsumniveau und dem Verlust der biologischen Vielfalt zu veranschaulichen. Aber er weist nicht darauf hin, dass es der Kapitalismus ist, der einen solchen rücksichtslosen Konsum antreibt. Der Kapitalismus – insbesondere in seiner neoliberalen Form – ist eine Ideologie, die auf dem Prinzip des endlosen, vom Konsum getriebenen Wirtschaftswachstums basiert. Ein Vorschlag, der schlicht nicht funktionieren kann.

Die industrielle Landwirtschaft, die im Bericht als der größte Einzelfaktor für den Artenverlust identifiziert wird, ist zutiefst vom Kapitalismus geprägt, nicht zuletzt, weil nur eine Handvoll „Rohstoff“-Arten als wertvoll angesehen werden und weil bei der ausschließlichen Suche nach Gewinn und Wachstum „externe Effekte“ wie Umweltverschmutzung und der Verlust der biologischen Vielfalt ignoriert werden. Anstatt die Irrationalität des Kapitalismus zu benennen, weil er das meiste Leben wertlos macht, erweitert der WWF-Bericht tatsächlich eine kapitalistische Logik, indem er Begriffe wie „Naturwerte“ und „Ökosystemdienstleistungen“ auf die lebende Welt anwendet.

Indem man den Kapitalismus mit einem Begriff verdeckt, der nur eines seiner Symptome ist – „Konsum“ -, besteht auch die Gefahr, dass die Schuld und Verantwortung für den Verlust von Arten unverhältnismäßig stark auf individuelle Lebensstilentscheidungen verlagert wird, während die größeren und mächtigeren Systeme und Institutionen, die den Einzelnen zum Konsum zwingen, beunruhigenderweise nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Wer ist überhaupt die „Menschheit“?

Der WWF-Bericht wählt als Analyseeinheit „Menschheit“ (englisch: humanity), und diese totalisierende Sprache wird von der Presse eifrig aufgegriffen. The Guardian zum Beispiel berichtet, dass „die Weltbevölkerung das Netz des Lebens zerstört“. Das ist äußerst irreführend. Der WWF-Bericht selbst veranschaulicht, dass es längst nicht die ganze Menschheit ist, die am «Konsum» beteiligt ist. Aber er geht nicht so weit zu zeigen, dass nur eine kleine Minderheit der menschlichen Bevölkerung den überwiegenden Teil der Schäden verursacht.

Weltkarte des ökologischen Fußabdrucks des Konsums, 2014. Obwohl der WWF-Bericht die Unterschiede im Konsum aufzeigt, sagt er nichts über den Kapitalismus aus, der dieses Muster hervorbringt. (Quelle: WWF)

Von den CO2-Emissionen bis hin zum ökologischen Fußabdruck haben die reichsten 10% der Menschen den grössten Einfluss. Darüber hinaus wird nicht anerkannt, dass die Auswirkungen des Zusammenbruchs von Klima und biologischer Vielfalt zunächst von den Ärmsten – den Menschen, die am wenigsten zu diesem Problem beitragen – getragen werden. Diese Ungleichheiten zu erkennen ist wichtig, weil es genau diese Ungleichheit ist – nicht die „Menschheit“ an sich -, die das Problem darstellt. Und weil Ungleichheit – du hast es erraten  – zu kapitalistischen Systemen (und insbesondere ihren rassistischen und kolonialen Hinterlassenschaften) dazugehört.

Das Schlagwort „Menschheit“ überdeckt all diese Risse und verhindert, dass wir die Situation so sehen, wie sie ist. Das Wort verstärkt auch das Gefühl, dass Menschen von Natur aus „schlecht“ sind und dass es irgendwie „in unserer Natur“ liegt, zu konsumieren, bis nichts mehr übrig ist. Ein Tweet, der als Reaktion auf die WWF-Publikation gepostet wurde, entgegnete: „wir sind ein Virus mit Schuhen“. Das ist eine Haltung, die auf eine wachsende öffentliche Apathie hindeutet.

Aber was würde es bedeuten, einen solchen Selbsthass auf den Kapitalismus umzuleiten? Dies wäre nicht nur ein genaueres Ziel, sondern könnte uns auch befähigen, unsere Menschlichkeit als eine Kraft für das Gute zu sehen.

Die Geschichte durchbrechen

Wörter tun so viel mehr, als nur die Schuld auf verschiedene Ursachen zu übertragen. Worte sind die Macher und Brecher der tiefgehenden Geschichten, die wir über die Welt konstruieren, und diese Geschichten sind besonders wichtig, um uns zu helfen, mit Umweltkrisen umzugehen. Die verallgemeinerte Bezugnahme auf die „Menschheit“ und den „Konsum“ als Treiber für ökologische Verluste ist nicht nur unzutreffend, sondern zementiert auch ein verzerrtes Bild davon, wer wir sind und was wir werden können.

Indem wir den Kapitalismus als Grundursache benennen, identifizieren wir andererseits eine bestimmte Reihe von Praktiken und Ideen, die weder dauerhaft noch der Menschheit inhärent sind. Dabei lernen wir zu sehen, dass es anders sein könnte. Es liegt eine Macht darin, etwas zu benennen, um es zu enthüllen. Oder wie die Schriftstellerin und Umweltschützerin Rebecca Solnit es ausdrückt:

Calling things by their true names cuts through the lies that excuse, buffer, muddle, disguise, avoid, or encourage inaction, indifference, obliviousness. It’s not all there is to changing the world, but it’s a key step.

Kurzum: Dinge beim Namen zu nennen ist ein wichtiger Schritt dahin, die Welt zu verändern. Der WWF-Bericht fordert, dass eine «kollektive Stimme entscheidend ist, wenn wir den Trend zum Verlust der biologischen Vielfalt umkehren wollen». Aber eine kollektive Stimme ist nutzlos, wenn sie nicht die richtigen Worte findet. Solange wir – und insbesondere einflussreiche Organisationen wie der WWF – es nicht schaffen, den Kapitalismus als eine der Hauptursachen für das Massensterben zu bezeichnen, werden wir machtlos bleiben, seine tragische Geschichte zu durchbrechen.


Übersetzung durch die Redaktion sozialismus.ch.

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