Seit der Jahrtausendwende kann weltweit ein zunehmender Schub des Warenkonsums beobachtet werden. In diesem beschreibt Klaus Meier am Beispiel von Deutschland, wie der Kapitalismus Unmengen an Müll produziert und so unsere Umwelt zerstört. Der Autor wirft die zentrale Frage der Zusammensetzung der Waren und der Organisation der Produktion auf. (Red.)

von Klaus Meier; aus die Internationale als Pdf-Datei als Pdf-Datei, als html-Datei
20. August 2018

 

Die Energie steckt in den Produkten

2015 wurden hierzulande 3,2 Millionen PKW neu zugelassen und 6,95 Millionen Fernseher verkauft. Im Jahr davor wurden 24,1 Millionen Smartphones und 20,4 Millionen Computer verkauft. In der Folge ist ein steil ansteigender Ressourcenverbrauch festzustellen. 2008 lag die weltweite Rohstoffentnahme aus der Erde bei 62 Mrd. Tonnen Material. Das ist neunmal so viel wie noch um 1900. Die OECD geht davon aus, dass dieser Wert 2030 bei 100 Mrd. Tonnen liegen wird. Praktisch bedeutet das, dass die Erdkruste umgepflügt wird. Allein die durch den Berg- und Tagebau verschobenen Gesteins- und Erdmassen sind heute 4 Mal so groß wie das Material, das alle irdischen Flüsse und Gletscher bewegen. Es entstehen dabei riesige Umweltschäden durch die Freisetzung toxischer Substanzen und die Zerstörung wertvoller Böden. Eine weitere Folge der steigenden industriellen Ressourcennutzung sind ein hoher Energieverbrauch sowie die damit verbundenen großen Treibhausgasemissionen. So gehen in Deutschland rund 40 % des CO2-Ausstoßes auf das Konto der Industrie. Diese Zahl setzt sich zusammen aus 18 % Emissionen für den industriell genutzten Strom und noch einmal rund 20 % für Industriefeuerungen und Prozessemissionen. Würde man noch die LKW-Transporte auf den Straßen hinzuzählen, dann wäre der Wert noch höher. Es ist eine Verantwortung der Industrie, die in offiziellen Statistiken gerne verborgen gehalten wird.
Ein erkenntnisreicher Blick auf das Szenario ergibt sich auch, wenn man die Förderung und industrielle Verarbeitung einzelner Rohstoffe betrachtet. So erzeugt allein die weltweite Kunststoffproduktion eine jährliche CO2-Menge, die 76 % der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen entspricht. Für Aluminium liegt dieser Wert bei 77 % und für Stahl sogar bei 462 %. Man kann diese Erkenntnis bildlich so zusammenfassen, dass alle hergestellten Güter geronnene Energie enthalten und riesige Mengen unsichtbarer Schwaden von Treibhausgasen hinter sich herziehen. Das bedeutet aber auch eine einfache Wahrheit: Wenn wir die Biosphäre unseres Planeten noch retten wollen, dann reicht eine einfache Umstellung auf erneuerbare Energien nicht aus. Es muss auch die Menge des materiellen Güterumsatzes deutlich reduziert und damit die Übernutzung unseres Planeten beendet werden.

Gesättigte Märkte und die kapitalistische Antwort

Mit dieser Erkenntnis treffen wir auf das ökonomische System, das unsere Welt heute komplett beherrscht: Den Kapitalismus. Er befindet sich heute in einer Situation der Kapitalüberproduktion. Es gibt riesige Finanzströme, die keine Anlagen mehr finden und deswegen voller Risiken immer neue Finanzblasen bilden. Die Ursache sind gesättigte Märkte und dadurch bedingt nicht ausgelastete Produktionsanlagen. Das kapitalistische Wirtschaftsleben funktioniert in diesem Umfeld nur durch einen sich beschleunigenden Wechsel des immer schnelleren Entwertens von genutzten Waren mit anschließender Neuproduktion. Das bedeutet im Ergebnis die Etablierung einer Wegschmeißproduktion.

Die bewusste und fahrlässige Lebensdauerverringerung von Produkten

Insbesondere in den letzten Jahrzehnten hat es die Industrie geschafft, ihre Produkte immer kurzlebiger auszulegen. Ein Oberbegriff dafür ist Obsoleszenz. Er steht für die bewusste und geplante Verringerung der Produktlebensdauer durch die kapitalistischen Produzenten. Die Waren werden so ausgelegt, dass sie gleich nach dem Ende der Gewährleistung immer unzuverlässiger werden und schließlich ganz kaputt gehen.
Stefan Schridde, der Initiator der Verbraucherschutzorganisation „Murks – Nein danke“ hat Obsoleszenzfälle bei zahlreichen Produkten untersucht und beschrieben. Ein Beispiel sind Waschmaschinen. Während früher Miele-Geräte rund 20 Jahre im Einsatz waren, liegt die durchschnittliche Lebensdauer von Waschmaschinen heute nur noch bei 6,5 Jahren. Schridde schreibt, dass schwerwiegende Reparaturen vielfach bereits nach 3 Jahren auftreten. Eine der Ursachen: Die Trommeln von Waschmaschinen laufen in Bottichen, die heute zunehmend aus Plastik hergestellt werden. Was die Sache schlimm macht: Die Bottich-Halterungen am Maschinengehäuse sind oft viel zu dünn ausgelegt, so dass sie unter der schwingenden Belastung viel zu früh abreißen. Das Ergebnis: Die Waschmaschine landet dann unwiderruflich auf dem Müll.
Ein anderes Beispiel für Obsoleszenz sind aufladbare Akkus in elektrischen Zahnbürsten, Rasierapparaten oder MP3-Playern. Der Trick besteht darin, die Akkus fest in das Gehäuse einzuschweißen. Das macht es dem normalen Benutzer unmöglich, sie zu wechseln, wenn ihre Lebensdauer überschritten ist. Das Gerät ist dann trotz sonst noch voller Funktionsfähigkeit nur noch für den Müll gut. Der vielgepriesene Apple-Konzern hat auch auf diesem Gebiet Standards gesetzt. Nachdem Kunden in den USA wegen der eingeschweißten Akkus Klagen gegen Apple angestrengt hatten, ermöglichte der Konzern bei einzelnen Geräten einen Akku-Wechsel. Allerdings nicht durch den Kunden selbst. Sondern das Gerät muss eingesandt werden, damit eine firmeneigene Abteilung den Akkutausch vornimmt. Der Preis ist so hoch, dass der Neukauf eines Gerätes näher liegt.
Die Wegwerfstrategien der Unternehmen durchziehen mittlerweile sämtliche Lebensbereiche. Selbst Kugelschreiber werden heute immer öfter so ausgelegt, dass sie nicht mehr nachfüllbar sind. Wenn dies doch möglich sein sollte, gilt für viele Ersatzminen, dass sie meist nur noch in Spezialläden beschafft werden können. Jeder, der in einem Büro tätig ist, hinterlässt so eine Spur von verschrotteten Schreibgeräten. Ein anderes Beispiel sind Balkonblumen. Es werden heute vornehmlich nur einjährige Pflanzen gezüchtet, so dass sie möglichst jedes Jahr wieder gekauft werden müssen. So werden die Kunden ständig in Bewegung gehalten – und das Geld klingelt in den Kassen der Züchtungsunternehmen.
Ein Teil des auffällig schnellen Versagens vieler technischer Geräte resultiert sicher aus einer bewussten und boshaften Reduzierung ihrer Lebensdauer. Aber das ist es nicht allein. Die Hauptursache ist die Nichtanwendung moderner Ingenieurkunst. Es gibt kaum Bemühungen der Hersteller, die Lebensdauer ihrer Geräte zu verlängern. Sie sollen gerade so lange halten wie die Garantiezeit währt. Danach sollen die Kunden neu kaufen. Es ist tatsächlich auffallend: Während beispielsweise der Energieverbrauch vieler Geräte durch den Einsatz effizienterer Technik oftmals verringert werden konnte, gilt dies nicht beim Ziel der Produktlebensdauer. Das Ergebnis dieser Nichtbemühungen zeigt sich beispielsweise in Statistiken über Haushaltsgroßgeräte, die aufgrund eines Defekts vorzeitig ausgetauscht werden müssen. Der Anteil stieg zwischen 2004 und 2012 von 3,5% auf 8,3%.

Wissenschaft im Dienste kapitalistischer Obsoleszenzinteressen

Auch die Hochschulen spiegeln die Interessen des Kapitals an einer Wegwerfproduktion wider. Nirgendwo in Deutschland gibt es im Bereich des Maschinenbaus Hochschulinstitute, die sich dem allgemeinen Ziel einer Verlängerung der Produktlebensdauer widmen. Auch in der Ingenieursausbildung taucht dieses Thema skandalöserweise nicht auf. Die Studierenden erfahren zwar, wie man Produkte automatisierungsgerecht auslegt, aber nicht wie sie langlebig gemacht werden können. Und Studierende der Betriebswirtschaft werden mit kapitalistischen Strategien indoktriniert, die einen Pseudonaturzyklus von Konsumgütern vorgeben. Er beschreibt, wie neue Produkte durch Innovationen auf den Markt gebracht werden und sie dann irgendwann „reifen“. Dies steht synonym für einen hohen Absatz. Schließlich treten sie in eine „Degenerationsphase“, sprich die potenziellen Kunden besitzen die Produkte und haben kein Interesse mehr an einem Neukauf.
Was eigentlich im positiven Sinn einem Rückgang des Ressourcenverbrauchs entspricht, ist den kapitalistischen Ideologen ein Dorn im Auge. Sie empfehlen Gegenstrategien, wie die Differenzierungen der Produkte oder das Einbringen von Innovationen. Wenn auch diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind und der Absatz den Herstellern nicht mehr reicht, folgt die „Elimination“ des Konsumartikels vom Markt. Mit einem anderen Produkt beginnt dann ein neuer Zyklus. Dass dieser Produktlebenszyklus eigentlich nur der verstetigten Profitmacherei dient und ökologisch zu schweren Schäden führt, wird im Studium nicht thematisiert.

Reparaturmöglichkeiten: Von Konzernen abgeschafft

Die Unternehmen haben angesichts der heute existierenden Kapitalüberproduktion ein natürliches Interesse daran, dass Konsumgüter immer wieder neu gekauft werden. Reparaturen würden das Geschäft dagegen stören. Tatsächlich ist es den Konzernen in den letzten drei Jahrzehnten gelungen, Reparaturen weitgehend abzuschaffen oder in unbedeutende Nischen abzudrängen. Dadurch konnte das vorzeitige Verschrotten von Produkten erheblich beschleunigt werden. Noch Anfang der 70-er Jahre gab es ein umfassendes Reparaturnetzwerk. So wurden defekte Fernseher noch wie selbstverständlich vom Radio- und Fernsehtechniker abgeholt, repariert und nach wenigen Tagen zurückgebracht. Heute werden die Geräte auch bei eigentlich kleinen Defekten einfach weggeworfen. Auch für Schuhe gab es vor etwas über 4 Jahrzehnten noch einen florierenden Reparaturservice. Die Kunden standen vor den Theken der Schuster Schlange. All das ist heute nicht mehr vorstellbar.
Viele Unternehmen unterhalten zwar formal einen Reparaturservice. Aber die Kosten der Ersatzteile sind maßlos überteuert. So schrieb die Stiftung Warentest im September 2013 in ihrer Zeitschrift: „Ab 762 Euro ist die Bosch-Waschmaschine „WAS 28440“ im Internet erhältlich. Geht nach der Gewährleistung der Motor kaputt, bietet Bosch den Austausch zum Festpreis von 299 Euro an. Fallen mehrere Bauteile aus, können die Reparaturkosten den Gerätepreis übersteigen.“ Derartige Beispiele lassen sich zuhauf finden. 2017 berichtete die Süddeutsche Zeitung über einen Kaffeevollautomaten, bei dem die Pumpe ausgefallen war. Die Stiftung Warentest gab an, dass das Ersatzbauteil beim Hersteller 182 Euro kostete. Ein sehr hoher Preis im Vergleich zum Automaten. Doch die Stiftung Warentest fand eine deutlich günstigere Lösung bei einem Online-Händler, der für ein passendes Ersatzbauteil nur 19 Euro berechnete.
Häufig werden Ersatzteile auch dadurch bewusst verteuert, indem defekte Teile nicht einzeln gekauft werden können, sondern nur als ganze Baugruppe. So beschreibt Christian Kreiß den Fall einer Waschmaschine mit einem defekten Türgriff. Einen Ersatzgriff gab es nur noch mit der gesamten Tür beim Hersteller zu kaufen, was sehr teuer war: Der Preis für den Türgriff separat hätte bei 8 Euro gelegen. Der Preis für den ausschließlich verfügbaren Griff mit angehängter Tür betrug dagegen stolze 110 Euro. Das Österreichische Normungsinstitut hat sich die Mühe gemacht, beispielhaft die Preispolitik eines einzelnen Waschmaschinenmodells zu untersuchen. Danach kosten die Einzelteile der Maschine zusammengerechnet viermal so viel wie die Waschmaschine als Ganzes. Und in der Vergleichsrechnung der Einzelteile ist noch nicht einmal die Zeit und der Aufwand für die Montage und die Teilebeschaffung enthalten.
Potentielle Kunden mit einem defekten Gerät werden ob des horrenden Preises abgeschreckt. Sie kapitulieren und bestellen lieber gleich ein Neugerät. Das ist genau das, was die Konzerne eigentlich auch wünschen, denn so wird der Neukauf wieder angekurbelt. Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ist das aber eine Katastrophe.
Ein anderes Problem besteht darin, dass Hersteller nur für einen begrenzten Zeitraum Reparaturteile vorrätig halten. Kunden, die darüber hinaus Ersatzteile benötigen, haben Pech gehabt und werden zum Neukauf eines Ersatzgerätes genötigt. Von dieser Politik sind auch unabhängige Reparaturwerkstätten betroffen. Ein derartiger Fall ging Ende 2017 durch die Medien. Der Inhaber eines Reparaturunternehmens mit langer Tradition in Reutlingen, Detlef Wangerow, klagte vor dem Bundeskartellamt gegen die Konzerne Samsung und Apple wegen Diskriminierung kleiner Werkstätten. Apple weigert sich beharrlich, Ersatzteile für seine Geräte an Einzelpersonen und freie Werkstätten zu liefern. Das Unternehmen antwortete auf eine Anfrage von Wangerow, dass es Ersatzteile nur mit einer Autorisierung gäbe. Und weiter: „Wir haben derzeit leider keinen weiteren Bedarf, neue Partner für den Service zu autorisieren.“ Wangerow beklagte auch die Methoden des Samsung-Konzerns, der kleinen Reparaturunternehmen Knüppel zwischen die Beine wirft: „Nachdem Samsung in den letzten Monaten teilweise gar keine Ersatzteile an freie Werkstätten geliefert hat, verlangt er jetzt die Angabe der IMEI-Nummer, bevor ein Display bezogen werden kann.“ Die IMEI-Nummer ist eine 15-stellige Zahl zur eindeutigen Identifizierung eines Smartphones.

Manipulative Modewechsel

Ein weiteres wichtiges Element, um die Produktion anzuheizen, ist der ständige Modewechsel, der in den letzten 30 Jahren eine Beschleunigung erlebt hat. Der Schrittmacher war dabei die Bekleidungsindustrie. Deutschland stellt für die internationale Mode- und Textilindustrie einen wichtigen Markt dar. 2013 wurden Textilien im Wert von 26,6 Mrd. € vornehmlich aus China, Bangladesch und der Türkei importiert.
Obwohl deutsche Verbraucher heute viermal so viele Kleider in ihrem Schrank haben wie 1980 und im Schnitt 20 Teile nie getragen werden, gelingt es der Modeindustrie, die Konsumenten immer wieder zum Neukauf anzustacheln. Um für neue Moden in den Schränken Platz zu schaffen, werden pro Jahr über eine Milliarde noch tragbare Kleidungsstücke von den „Verbrauchern“ weggeworfen.
Die Modeindustrie ist zwar von ihrem Umsatz deutlich kleiner als die Automobil- oder die Chemiebranche. Aber sie ist aufgrund ihrer spezifischen Marktmacht in der Lage gesellschaftliche Normen und Zwänge zu schaffen, denen sich viele Individuen unterwerfen. Dabei spielt die globalisierte Massenkommunikationsindustrie mit Berichten über Trends und Styles in Hochglanzmagazinen, Film, Fernsehen und Internet eine wichtige Rolle. Die Modeindustrie nutzt diese Situation aus, um den Absatz ihrer Produkte immer weiter voranzutreiben. Die Zeiten, in denen es eine Sommer- und eine Wintermode gab, sind längst vorbei. Heute drücken die Modekonzerne innerhalb eines Jahres bis zu 12 Kollektionen in den Handel. Das Marketing unterscheidet dabei zwischen den Kategorien hochmodische, modische und saisonale Ware. Für die hochmodische Ware wird dabei nur eine Verweildauer am sog. „Point of Sale“ von maximal 6 Wochen angegeben, für die saisonale Ware 18 bis 22 Wochen. Gleichzeitig hat es die Modeindustrie auch geschafft ihren internen Durchlauf zeitlich zu straffen, was die Umschlagszeit des eingesetzten Kapitals verkürzt und so zu höheren Profiten beiträgt. Früher wurde ein Zeitraum von 60 bis 90 Tagen benötigt, um das Produkt in den Handel zu bringen. In den vergangenen Jahren konnte die Spanne auf 12 bis 15 Tage verkürzt werden. Das Problem an diesen Modezyklen ist, dass sie weit kürzer sind, als die Lebensdauer der Textilien.
Die Frage stellt sich, warum es der Textilindustrie immer wieder gelingt, neue Modewellen zu erzeugen. Psychologen sprechen davon, dass Bekleidungsregeln als eine Symbolsprache genutzt werden, um soziale Beziehungen auszudrücken. Das gilt insbesondere in sozial sehr heterogenen Gemeinschaften. In der kapitalistischen Gesellschaft, die ständigen Umbrüchen unterworfen ist und deren ökonomische Konkurrenzmechanismen tief in die sozialen Beziehungen wirken, existiert ein großes Bedürfnis durch ausgewählte Kleidungsstücke, Farben und Schnitte die Zugehörigkeit zu spezifischen gesellschaftlichen Gruppen zu signalisieren. Die Modeindustrie hat gelernt, dies gnadenlos zur Gewinnmaximierung auszunutzen. Für die sozialen Gruppen, die sich der Mode unterwerfen, bleibt aus ihrer beschränkten Sicht dann nichts anderes übrig, als die Kleidungsstücke vorzeitig auszurangieren – was natürlich der eigentliche Zweck der künstlich erzeugten Modewellen ist. Dafür müssen dann Näherinnen in Bangladesch oder Kambodscha unter schlimmsten Bedingungen und zu Minilöhnen arbeiten. Und die ökologische Bilanz von Baumwollstoffen fällt denkbar negativ aus. Die für Bekleidung weltweit verbrauchte Baumwolle wächst auf zwei Prozent der weltweiten Ackerfläche, verbraucht aber ein Viertel aller in der Landwirtschaft eingesetzten Insektengifte.
Doch nicht nur Textilien sind immer neuen Modewellen unterworfen. Auch andere Branchen haben diese Methode kopiert. So wird mittlerweile das Design von ganzen Wohnungsinneneinrichtungen, Bädern, Kücheneinrichtungen oder Wohnzimmermöbeln ständig neu ausgerichtet. In den großen Möbelhäusern werden in dem einen Jahr nur Möbel mit matten Oberflächen angeboten und im nächsten Jahr sind alle auf Hochglanz lackiert. Schnell wächst da bei vielen Zeitgenossen der Wunsch, sich von vermeintlich veralteten Einrichtungen zu trennen. Das ist genau das was mit den Modewechseln beabsichtigt wird.

 

Verpackungswahnsinn: Lohnkosten sparen und Konsument*innen täuschen

Pro Kopf liegt Deutschland europaweit an der Spitze. Kein anderes EU-Land produziert so viel Verpackungsmüll. Wer mit offenen Augen durch deutsche Supermärkte geht kann dies nicht übersehen. In der Lebensmittelabteilung wird z.B. Brokkoli zunehmend in Plastikfolie eingewickelt. Bananen, die eigentlich von Natur aus eine verpackende dicke Schale haben, werden noch einmal mit Plastik umhüllt. Der Grund dafür ist nicht Hygiene, sondern dass z.B. die Bananen vorportioniert sind und mit einem Preisschild versehen an den Kassen schnell verbucht werden können. Das Ziel ist eine durchrationalisierte Einkaufsumgebung, die möglichst wenig Personal bedarf.

Das gleiche Prinzip begegnet einem in der Lebensmittelabteilung. Käse, Wurst und Fleisch wird vorab aufgeschnitten und vorportioniert auf geschäumten Kunststoffunterlagen mit Folie verpackt. Auch hier kann vorab ein Preisschild aufgeklebt werden. Statt die Wünsche der Kunden einzeln entgegenzunehmen, wird so viel wie möglich manufakturmäßig vorverpackt. Das reduziert die Kommunikationszeit und den Arbeitsaufwand und spart so erhebliche Lohnkosten. In den Abteilungen für Kosmetika und Körperpflege wird der Verpackungswahnsinn dann auf neue Höhen getrieben. Die Cremes, Zahnpasten oder Lotionen befinden sich in Tuben, kleinen Flaschen oder Behältern aus Kunststoff. Zusätzlich werden die Produkte noch in Pappschachteln verpackt, die oftmals extra groß und aufwendig sind, um mehr Produkt vorzutäuschen als wirklich drin ist. Man spricht dabei von Umverpackungen. An ein sinnvolles Recycling wird von den Herstellern nicht gedacht, geschweige denn an eine Wiederverwendung der Verpackungsbehälter. Vor der Kasse kommen die Kunden dann üblicherweise noch an palettenweise aufgestellten Bonbons, Schokoladen, Knusperchips und Pralinen vorbei. Auch hier wieder das gleiche Bild: Überdimensionierte Mehrfachverpackungen für ungesunde Produkte, für die es oft das Beste wäre, wenn sie niemals hergestellt worden wären.

Kunststoffmüll: Eine neue globale Umweltkatastrophe

Ein besonderes Augenmerk muss auch auf die Kunststoffproduktion geworfen werden. 2016 wurde weltweit 322 Millionen Tonnen hergestellt [2]. Trotz der wachsendem Probleme mit dem Material steigt die produzierte Menge. Flaschen und Behälter für Shampoo, Farben, Zahnpasta, Getränke, Joghurt werden meist aus Kunststoff hergestellt. Das gilt auch für Autoinneneinrichtungen, Computer- und Fernseheinhausungen sowie tausend andere Anwendungen. Nach der Benutzung werden die Kunststoffprodukte einfach weggeworfen. Weltweit landet ein Großteil des Kunststoffanfalls in der Landschaft und über die Flüsse schließlich im Meer. 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen kommen nach überschlägigen Berechnungen von Wissenschaftlern jedes Jahr zusätzlich in die Ozeane [2]. UV-Strahlung und Wellen zerlegen die Plastikteile in immer kleinere Teilchen, die den Verdauungstrakten von Vögeln und Fischen zusetzen.

Hier bahnt sich mittlerweile eine neue globale Umweltkatastrophe an. Wissenschaftler mahnen, dass 2050 die Plastikmenge im Meer die der Fische übersteigen wird. Deutsche Kunststoffhersteller haben mit ihrer Produktion und ihren weltweiten Exporten eine hohe Mitverantwortung. Bis zum 1. Januar 2018 wurden sogar jedes Jahr 760 000 Tonnen der in Deutschland gesammelten Kunststoffabfälle nach China exportiert [3]. Wo die dann später landeten, interessierte offensichtlich nicht. Piotr Barczak vom europäischen Umweltbüro sagte dazu: „Es ist unklar, was genau mit dem Müll passiert, der nach China exportiert wird.“ [3]
Kunststoffe machen aber noch weitere Probleme: So frisst die chemische Umwandlung von Rohöl zu Kunststoff besonders große Energiemengen. Es ist ein Skandal, dass daraus zu einem Großteil kurzlebige Wegwerfprodukte hergestellt werden, mit steigender Tendenz auch in Deutschland. So wuchs hierzulande von 2003 bis 2013 der Kunststoffanteil am Abfall überproportional um 39 % an. Die deutsche Kunststoffindustrie trägt dafür eine hohe Verantwortung. Sie stellte 2015 18 Millionen Tonnen Kunststoffe her und machte damit 25 Milliarden Euro Umsatz. Abzüglich des Exports verblieben 10,1 Millionen Tonnen im Inland [4, 5]. Im selben Jahr wurden aber nur 5,92 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle wieder eingesammelt [4]. Wo die restlichen 40 % Müll verbleiben ist vielfach unklar.

Trittins Dosenpfand: Ein böses Lehrstück

2003 bemühte sich Bundesumweltminister Jürgen Trittin, der zunehmenden Flut von Getränkedosen Herr zu werden. Eigentlich eine selektive Fragestellung, die lösbar sein sollte. Aber es gab ein endloses Geplänkel mit der Industrie, die den Untergang des Abendlandes an die Wand malte. Getränkedosen wurden zwar nicht verboten, aber es wurde immerhin ein Dosenpfand eingeführt. Tatsächlich gingen danach die Dosenverpackungen von 7 Milliarden Stück auf 100 Millionen in 2005 zurück. Aber diese Verbesserung war nur von kurzer Dauer. Für 2014 meldete der Verband der Getränkedosenhersteller, dass man wieder 1,86 Milliarden Dosen verkauft habe. Und der Sprecher des Branchenverbandes erklärte frech: “Mittelfristig streben wir unseren alten Marktanteil an und das halten wir für realistisch.“ [6] Trittin wollte mit seinem Pfand alle Einweggetränkeverpackungen zurückdrängen. Die Mehrwegquote sollte 80 % erreichen, so der Plan. Doch daraus ist nichts geworden. Vor der Pfandeinführung wurden immerhin noch 66,3 % aller verkauften Getränke in Mehrwegflaschen abgefüllt [7]. 2015 waren es nur noch 44,3 %. Und laut dem Umweltbundesamt werden nur noch knapp 30 % der Erfrischungsgetränke und 40 % des Mineralwassers in Mehrwegflaschen angeboten [7]. Das ist also die Lex Trittin: Ein böses Lehrstück über die Macht von Verpackungsindustrie und Handelskonzernen. Kurzfristige, halbgare Erfolge, die die Machtstrukturen nicht ändern, sind angesichts des herrschenden Kräfteverhältnisses niemals von Dauer. Nach wenigen Jahren werden sie von den kapitalistischen Konzernen und ihren politischen Helfershelfern wieder auf null zurückgefahren.

Warum Mehrweg-Verpackungen ökologischer sind

Die Verpackungs- und Getränkeindustrie hat mittlerweile absichtlich so viel Verwirrung gestiftet, dass viele Kunden nicht mehr beurteilen können, welche Flaschensysteme Mehrweg und welche Einweg sind. Die großen Discounter wie Lidl oder Aldi bieten heute fast ausschließlich Getränke in Einwegflaschen aus PET an. So ersparen sie sich die Rücknahme. PET steht für Polyethylenterephthalat. Discounter und Verpackungsindustrie behaupten, dass PET-Einwegflaschen recycelt würden. Tatsächlich werden sie gesammelt, gewaschen und zu Granulat geschreddert. Dabei kommt es aber zu einer Beschädigung der Kunststoffmoleküle, so dass nur noch etwa die Hälfte des zurückgenommenen Materials für neue PET-Flaschen verwendet werden kann. Dem Prozess muss etwa 50 Prozent fabrikneues PET-Material hinzugesetzt werden [9]. Die andere Hälfte des PET-Granulats kann bestenfalls noch für farbige Textilfasern verwendet werden. Es ist also kein geschlossener Material-Kreislauf, sondern 50 % des Materials endet in einem Downcycling-Prozess. Dazu kommt, dass ein großer Prozentsatz der Einwegflaschen erst gar nicht im Recycling landet, sondern gleich verbrannt wird. Mehrwegsysteme sind dagegen grundsätzlich umweltfreundlicher. Die Flaschen werden gespült und können dann wiederverwendet werden. Das gilt auch für PET-Mehrwegflaschen, die 25 Mal eingesetzt werden können [9]. Glas-Mehrwegflaschen können im Durchschnitt sogar bis zu 50 Mal wieder befüllt werden. Eine sehr gute Ressourcennutzung. Und sie sind zu 100 % in einem Kreislauf recycelbar. Je größer allerdings die Transportentfernungen sind, desto mehr nimmt der ökologische Vorteil von Mehrweg- gegenüber Einwegsystemen ab. Die kritische Grenze liegt zwischen 750 und 1500 Kilometer [8]. Die Schlussfolgerung: Man sollte Mehrwegflaschen verwenden, aber die Getränke und andere Inhaltsstoffe sollten aus der Region stammen. Tatsächlich ist es nicht einsichtig, warum heute in Kiel süddeutsches Mineralwasser und in Nürnberg Milch aus Norddeutschland angeboten wird.

Es ist festzuhalten, dass die Müllmengen deutlich reduziert werden könnten, wenn Mehrwegsysteme generell verpflichtend für den Getränkebereich wären. Es ist nur die Kriecherei der Politik vor den Konzernen, die diese einfache Lösung verhindert. Aber es wäre noch mehr möglich. Mehrwegbehälter aus Glas oder auch aus PET haben ein noch viel größeres Potenzial, wenn sie auch außerhalb des Getränkebereichs eingeführt würden: Warum sollten nicht beispielsweise auch Gemüse, Joghurt, Shampoos oder Reinigungsmittel verpflichtend in vereinheitlichten Mehrwegbehältern angeboten werden? Sie könnten mit Pfand belegt werden und aus Glas oder recycelbarem Kunststoff bestehen. Das Müllproblem könnte dann schnell der Vergangenheit angehören. Es fehlt allein der politische Wille.

Das Märchen vom umweltfreundlichen Getränkekarton

Beim Thema Müll müssen auch die allgegenwärtigen Getränkekartons ins Blickfeld genommen werden. 2012 wurden davon 185 400 Tonnen (Leergewicht) in Deutschland verbraucht [10]. Eine enorme Menge Müll. Diese Verpackungen bestehen aus einem mehrschichtig verklebten Verbund aus Karton, Aluminiumfolie und Kunststoff. Laut der Verpackungsindustrie liegt die Recyclingquote bei 71 %. Das Umweltbundesamt beurteilt die Getränkekartons aufgrund einer ökobilanziellen Untersuchung aus den Jahren 2000 und 2002 als ökologisch vorteilhaft. Die Deutsche Umwelthilfe hat dies angezweifelt und eine eigene Untersuchung dagegengesetzt. Dabei zeigte sich, dass tatsächlich nur 36,5 % der Getränkekartons „recycelt“ werden [10]. Ein großer Anteil landet aufgrund von Fehleinwürfen im Hausmüll und wird mit ihm verbrannt. Ein anderer Teil geht im Sortierprozess verloren, z.B. weil die Tetrapaks nicht erkannt werden oder zu verdreckt und damit für das „Recycling“ unbrauchbar sind. Nur rund 1/3 der Getränkekartons gelangen dann in den weiteren Recyclingprozess, wo sie zunächst mechanisch zerkleinert werden. Anschließend kommen sie in eine Waschanlage, eine sog. „Auflösetrommel“. Hier werden die Fasern des Kartonanteils von den Bestandteilen aus Kunststoff und Aluminium getrennt. Der Faserbrei kann für einfache Altpapierprodukte, wie Pappkartons und Toilettenpapier verwendet werden. Die Bestandteile aus Kunststoff und Aluminium werden verbrannt. Die Asche kann in die Zementproduktion einfließen. Faserbrei und Asche gelten offiziell als „recycelt“. Tatsächlich ist es ein „Downcycling“, denn der Faserbrei kann nicht für neue Tetrapaks verwendet werden, denn dafür bedarf es langer Papierfasern. Das bedeutet, dass für die Getränkekartons immer neue Bäume gefällt werden müssen, vor allem langsam wachsende skandinavische Hölzer mit langen Fasern. Auch aus der in die Zementproduktion eingehenden Aluminiumasche (Bauxit) kann nie wieder Aluminium zurückgewonnen werden. Wenn man den Gesamtprozess der Getränkekartonverwertung betrachtet, grenzt es schon an Betrug, ihn als Recycling auszugeben. Es ist bedauerlich, dass eine eigentlich seriöse Institution, wie das Umweltbundesamt, dieser Rosstäuscherei immer noch ihren Segen gibt.

Immer neue Müllfluten im Kapitalismus

Ein Beispiel dafür, wie schnell im Kapitalismus neue Müllfluten entstehen und alle vorherigen ökologischen Bemühungen zunichtemachen können, zeigen die Coffee-to-go-Becher. Früher unbekannt, werden sie heute an jeder Ecke angeboten. 320 000 Kaffee-Einwegbecher werden in Deutschland weggeworfen – pro Stunde! Im Jahr sind das 3 Milliarden [11]. Die Deutsche Umwelthilfe nannte sie einen wahren Fluch für die Umwelt und berechnete, dass die neuen Coffee-to-go-Becher 2015 für einen Kohlendioxidausstoß von zusätzlichen 110 000 Tonnen allein in Deutschland verantwortlich seien. Für die Herstellung der Becher werde eine Energie benötigt, mit der sich eine Kleinstadt ein ganzes Jahr versorgen ließe. Dazu kämen noch viele tausend Tonnen Holz und Kunststoff.

Ein weiteres Beispiel für eine neu entstandene Müllwelle sind Kaffeekapseln. Sie entstanden mit der Einführung neuer Kapsel- und Pad-Maschinen für private Haushalte, womit die Kaffeemaschinenindustrie einen großen Coup landen konnte. Die durchschnittliche Kapsel besteht aus 2 bis 3 Gramm Verpackung und 6 bis 7 Gramm Kaffee, was ein unglaublich schlechtes Verhältnis von Verpackungsmüll (43 %) zu Inhalt darstellt. Zum Vergleich: Bei einer üblichen 500 Gramm-Packung Kaffee macht die Verpackung nur 15 Gramm aus (3 %) [12]. So macht man gleichzeitig Müll und hohe Profite. Im Jahr 2008 wurden in Deutschland etwa 800 Tonnen Kaffeekapseln verkauft. 2014 waren es bereits 17 750 Tonnen und 2015 dann 20 600 Tonnen. Tendenz steigend. Besonders schlimm sind die Kaffeekapseln der Schweizer Nestle-Tochter Nespresso. Sie enthalten große Mengen Aluminium. 2015 verkaufte Nespresso weltweit 8 Milliarden Kapseln. Das sind 8 Millionen Tonnen Aluminiummüll [13]. Und die Aluminium-Produktion ist ein großer Stromfresser und führt zu erheblichen CO2-Emissionen.

Und es droht schon wieder eine neue Gefahr. Zunehmend lassen sich Karbon- und Glasfasern mit neuen Verarbeitungsmethoden, wie 3D-Druck oder modifiziertem Spritzguss, kostengünstig in Alltagsprodukte integrieren. Diese Verbund-Materialien sind kaum noch recycelbar. Und wenn sie in die Müllverbrennung geraten entstehen krebserregende Bruchstücke. Die Recycling-Unternehmen sind bereits alarmiert. Laut VDI Nachrichten verweigern die Faser-Hersteller aber jeden Dialog [17].
Aus Coffee-to-go-Bechern und Kaffeekapseln lassen sich Lehren ziehen. Sie sind ein warnendes Beispiel für alle, die glauben, dass sie das Müll-Problem lösen können, ohne den Kapitalismus anzutasten. Tatsächlich ist es wie im Kampf gegen die 9-köpfige Hydra der griechischen Mythologie. Für jeden Kopf, den der Held dem Untier abgeschlagen hatte, wuchsen zwei neue nach.

Die Recyclinglüge

Aber gibt es nicht das Recycling? So wurde in Deutschland 1991 der Grüne Punkt eingeführt, der verspricht, dass aus gebrauchten Verpackungen neue Rohstoffe gewonnen werden. Laut der Europäischen Umweltagentur EEA werden mittlerweile in Deutschland zwei Drittel des Haushaltsmülls recycelt. Ein Rekord in Europa. Das Bundesumweltministerium spricht sogar von einer Recycling-Quote von 80 Prozent, gewerblicher Müll und Industrieabfälle eingeschlossen. Also alles gar nicht so schlimm?

Bei näherem Hinsehen erscheint die offizielle deutsche Recyclingquote fragwürdig. Selbst der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft (DGAW), Thomas Obermeier, nennt die Zahlen „Augenwischerei“. Die DGAW spricht von einer realistischen Recyclingquote von 31 bis 41 Prozent [14]. Und der Umweltwissenschaftler Prof. Henning Friege, der den Report des Nachhaltigkeitsrates erarbeitet hat, führt aus: „Der Kreislauf ist bei vielen Abfällen nur Fiktion.“ [11] Was sind die Gründe für diese Kritik? Zunächst einmal ist die Ermittlung der Recyclingquote fragwürdig. Gemessen wird nur die Inputmenge in eine Recyclinganlage [15]. Was diese aus dem Müll macht und wie effizient das funktioniert spielt für die Statistik keine Rolle. Und der eingehende Müll ist nur schwer sortierbar. So landen in den Großstädten in der Gelben Tonne bis zu 50 Prozent „Fehleinwürfe“ [11]. Sie werden in den Recyclinganlagen aussortiert und meist verbrannt. In der Statistik gilt aber dies alles als „recycelt“. Ein weiteres großes Problem: Kunststoffverpackungen bestehen aus kunterbunten Stoffgemischen, denn die Industrie hat alle Freiheiten und kann vorgabefrei produzieren, was sie will. Das sortenrein für eine hochwertige Wiederverwertung aufbereiten zu wollen ist schlicht unmöglich. Im Ergebnis findet für kleinere Mengen ein „Downcycling“ statt: Plastikmüll wird zu Parkbänken oder Blumentöpfen. Der größere Anteil aber wird verbrannt.

Ein anderes Problem resultiert daraus, dass sich die Industrie immer neue Verbundmaterialien einfallen lässt. Gesetzliche Regeln oder Richtlinien gibt es ja nicht. So werden unterschiedliche Kunststoffe miteinander verschweißt oder mit Metall und Pappe fest verbunden. Das lässt sich im Sortierprozess kaum trennen – jedenfalls nicht mit vertretbarem Aufwand. Was sich aber nicht separieren lässt, landet in der Müllverbrennung. Dies wird oft noch euphemistisch als „thermische Verwertung“ oder gar als „thermisches Recycling“ bezeichnet. Doch die aus Müll gewonnene Energie macht nur 1 Prozent der gesamten in Deutschland erzeugten Strommenge aus [18]. Also ein großer Ressourcenverlust ‒ und wenig Energie. Das Fazit: Bei einer genauen Betrachtung bleibt vom deutschen Recyclingweltmeister nicht viel übrig – außer einer gut frisierten Statistik.

Neues Verpackungsgesetz – Gut für neuen Müll

Könnte sich die Situation mit dem neuen Verpackungsgesetz der Großen Koalition verbessern? Leider gibt es keinen Grund zur Hoffnung. Das Gesetz, das am 1. Januar 2019 in Kraft tritt, nimmt die gefakten Recyclingdaten als Basis und sattelt noch drauf: Die Recyclingquote für Kunststoffverpackungen soll bis 2022 auf 63 Prozent steigen. Bei Verbundverpackungen, Glas, Papier und Blech sollen dann jeweils sogar 90 Prozent erreicht werden und bei Getränkeverpackungen 80 % [19]. Das Problem: Die Politik ist auf das „Recycling“ fixiert. Dabei ist der hohe Ressourcenverbrauch das Problem. Und die erzeugte Müllmenge in Deutschland hat über die Jahre immer weiter zugenommen. Eigentlich wird im § 6 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes eine sinnvolle Abfallhierarchie benannt. Danach hat die Vermeidung von Müll die oberste Priorität. Es folgt die Wiederverwendung von Stoffen, also z.B. Glasflaschen. Erst an dritter Stelle folgt das Recycling und danach die Verbrennung. Leider ist die Realität in Deutschland genau anders herum. Für die Müllvermeidung und damit die Senkung der Treibhausgasemissionen müssten Mehrwegverpackungen in den Mittelpunkt gestellt werden. Das neue Verpackungsgesetz leistet dies gerade nicht.

Hoffnung auf die bürgerlichen Politiker?

Könnte die Politik hier nicht eingreifen? Leider ist von den bürgerlichen Politikern keine Änderung des Verpackungswahns zu erwarten. Dafür sind sie zu eng mit den kapitalistischen Konzernen verbandelt und können nur eindimensional denken. Was dabei rauskommt, zeigt die lächerliche Initiative der EU-Kommissionen, die zehn Kunststoffwegwerfartikel aus dem Verkehr ziehen will. Darunter Trinkhalme, Wattestäbchen und Ballonhalter. Angeblich soll das dem Schutz der Meere dienen. Aber was ist mit den Millionen Einwegflaschen, den Verpackungen, Seilen oder Eimern, alles aus Kunststoff, die jedes Jahr vielmillionenfach im Meer landen? [20]
Die deutschen Politiker sind vom selben Schlag wie ihre EU-Kollegen. Typisch ist die Antwort der früheren SPD-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, die in einer Fernsehsendung auf die Frage, ob man sinnlose Verpackungen denn nicht verbieten könne, antwortete: „Nein, sowas kann man nicht alles per Gesetz verbieten. Wir sind schon ein freiheitliches Land und nicht alles was Menschen ärgert, kann man per Gesetz verbieten“ [21].

Quellen:

[1] Süddeutsche Zeitung, 10.3.2016: Der große Müllberg beim Kaffeekochen
[2] Susanne Donner: Die Plastikfresser, Bild der Wissenschaft, Nr. 6-2018
[3] Die Weltmüllkippe schließt sich, Zeit online, 6.1.2018
[4] Umweltbundesamt: Kunststoffabfälle, umweltbundesamt/de, 10.01.2017
[5] Kunststoff in Zahlen, SWR, www/swr.de/odysso, 16.11.2017
[6] Spiegel online, 19.3.2015: Was wurde eigentlich aus dem Dosenpfand?
[7] Einweg gegen Mehrweg: Ärger um Wegwerf-Flaschen, Die Zeit, 13.6.2017
[8] Der NABU-Mehrweg-Guide: Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Mehrweg und Einweg, www.nabu.de, abgerufen: Mai 2018
[9] Plastik oder Glas? Welche Flaschen sind umweltfreundlicher? www.br.de, 29.5.2013
[10] Das Märchen vom umweltfreundlichen Getränkekarton, Deutsche Umwelthilfe, 24.11.2014
[11] Süddeutsche Zeitung, 12.5.2017: Das Märchen vom Recycling
[12] Spiegel Online, 25.8.2016: Umweltsünde Kaffee
[13] Süddeutsche Zeitung, 21.10. 2016
[14] EU-Recycling: Abfallwirtschaft ist noch längst keine Kreislaufwirtschaft, www.eu-recycling.com, Abruf am 12.5.2018
[15] Statistisches Bundesamt: Umwelt Abfallbilanz 2015, erschienen am 10.07.2017
[17] Fasern in Form, VDI Nachrichten, 11.5.2018
[18] Aus Müll wird Strom und Wärme, Süddeutsche Zeitung, 30.5.2018
[19] https://verpackungsgesetz-info.de/: Die Informationsplattform für Hersteller und Vertreiber zum Verpackungsgesetz
[20] Cocktail ohne Strohhalm, Süddeutsche Zeitung, 29.5.2018
[21] WDR 3-Fernsehen: Der Haushaltscheck mit Yvonne Willicks, Sendung vom 9.11.2015

 

Ein Kommentar zu „Ökologie: Produktion für die Mülltonne

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