marx21-Redaktion

Heute vor 100 Jahren, am 15. Januar 1919, ermordeten rechtsradikale Soldaten Rosa Luxemburg während der deutschen Revolution im Januar 1919. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) ließ die rechtsradikalen Verbände gegen einen angeblichen Putsch der KPD aufmarschieren. Wir erinnern an eine der bedeutendsten Sozialistinnen, die in der deutschen Arbeiterbewegung wirkten. Wir übernehmen eine politische Kurzbiografie der Marx21-Redaktion (9. Januar 2019).

Rosa Luxemburg wurde am 5. März 1871 in der kleinen polnischen Stadt Zamos´c geboren. Seit ihrer Jugend war sie in der polnischen sozialistischen Bewegung aktiv. Sie schloss sich einer revolutionären Partei namens »Proletariat« an, die 1882 gegründet worden war.

»Proletariat« in Polen

Das heutige Polen wurde damals vom russischen Zaren beherrscht. Von Anfang an war »Proletariat« der revolutionären Bewegung in Russland voraus. Während sich die russische Bewegung noch auf Terroranschläge beschränkte, organisierte »Proletariat« schon Tausende Arbeiter und führte sie in der ersten polnischen Massenbewegung gegen den russischen Absolutismus zum Streik. Die folgende Verhaftungswelle jedoch machte die Partei praktisch handlungsunfähig. Nur kleine Zirkel konnten sich retten und einem dieser Zirkel schloss sich Rosa Luxemburg im Alter von 16 Jahren an.

Rosa Luxemburg muss ins Exil

1889 wurde die Polizei auch auf sie aufmerksam und Rosa musste Polen verlassen. Im Exil machte sie eine sprunghafte geistige Entwicklung durch. Sie wurde der wichtigste Mitarbeiter der Parteizeitung, die in Paris erschien, und trug dazu bei, dass aus den Resten von Proletariat die Sozialdemokratische Partei Polens und Litauens entstand. Zeit ihres Lebens wurde sie als die führende Theoretikerin dieser Partei anerkannt. 1897 siedelte sie nach Deutschland über, um in der SPD mitzuwirken, der größten und anerkanntesten Sektion der Sozialistischen Internationale. Die Partei war damals in zwei Richtungen gespalten, einen reformistischen und einen revolutionären Flügel, wobei der reformistische Flügel an Stärke gewann.

Rosa Luxemburg in der SPD

Während sich in Russland und Polen starke revolutionärer Parteien entwickelten, blieben die deutschen Revolutionäre eine kleine Minderheit. Deutschland hatte seit der Wirtschaftskrise von 1873 ein stetiges Wirtschaftswachstum genossen. Der Staat und die Unternehmer konnten der Arbeiterklasse soziale Zugeständnisse machen. Vor diesem Hintergrund entfernten sich die Funktionäre der Gewerkschaften und ihre parlamentarischen Vertretung, die Abgeordneten der SPD, immer weiter von jedem revolutionären Gedanken, und beschränkten ihre Politik auf das schrittweise Erringen von Reformen.

Rosa Luxemburg und »Sozialreform oder Revolution«

Zwischen 1896 und 1898 schrieb der deutsche Sozialdemokrat Eduard Bernstein eine Artikelserie in der sozialdemokratischen Theoriezeitschrift »Neue Zeit«, in der er den Reformismus zum Prinzip erhob. Im Gegensatz zu Marx behauptete Bernstein, dass sich die Widersprüche im Kapitalismus nicht verschärfen, sondern abschwächen würden. Der Kapitalismus würde ständig zahmer und für die Arbeiter immer annehmbarer. Rosa Luxemburg antwortete Bernstein ebenfalls in der Neuen Zeit. Ihre beiden Artikel wurden später als die Broschüre »Sozialreform oder Revolution« gedruckt. Rosa Luxemburg meinte, wenn Bernstein die sich vertiefenden Widersprüche im Kapitalismus leugne, entzöge er dem Sozialismus die Grundlage. Er setze auf die »Kraft der Einsicht in die Gerechtigkeit« seitens der Kapitalisten.

Gegen die »Kuhhandelspolitik«

Sie wies nach, dass sich der Gegensatz zwischen Kapitalisten und Arbeitern, wie Marx es beschrieben hatte, immer weiter verschärfen würde. Deswegen könne man die Kapitalisten nicht davon überzeugen, den Arbeitern aus Gerechtigkeitsüberlegungen von ihrem Reichtum abzugeben. Letztlich wären die Reformisten gezwungen in einer »Kuhhandelspolitik« jegliche fortschrittlichen Ideen fahren zu lassen, so wie der sozialdemokratische Abgeordnete Wolfgang Heine, der damals den Vorschlag machte der Regierung Kanonen zu bewilligen, um im Austausch demokratische Rechte zu erhalten.

„Sozialreformerei führt zum Verlassen des Klassenstandpunktes

Sie schloss: »Der Sozialismus erfolgt also aus dem alltäglichen Kampfe der Arbeiterklasse durchaus nicht von selbst und unter allen Umständen. Er ergibt sich nur aus den immer mehr sich zuspitzenden Widersprüchen der kapitalistischen Wirtschaft und aus der Erkenntnis der Arbeiterklasse von der Unerläßlichkeit ihrer Aufhebung durch eine soziale Umwälzung. Leugnet man das eine und verwirft man das andere, wie es der Revisionismus tut, dann reduziert sich die Arbeiterbewegung zunächst auf simple Gewerkvereinlerei und Sozialreformerei und führt durch eigene Schwerkraft in letzter Linie zum Verlassen des Klassenstandpunktes.«

Rosa Luxemburg lehnte den Kampf um Reformen nicht ab. Die Bedeutung des gewerkschaftlichen und politischen Kampfs bestand für sie »darin, dass er das Proletariat, das heißt den subjektiven Faktor der sozialistischen Umwälzung zu deren Durchführung vorbereitet.« Sie sah den Fehler nur in dem parlamentarischen Weg, den die Reformisten einschlugen (Lies hier Luxemburgs Text »Eine taktische Frage« über Reformen und was sie über ihre Initiatoren verraten).

Rosa Luxemburg und die Russischen Revolution von 1905

Der Ausbruch der ersten russischen Revolution 1905 beendete die Bernstein-Debatte. Rosa Luxemburg schrieb für ihre polnische Partei eine Reihe von Artikeln und Broschüren, in denen sie zwölf Jahre früher als Lenin den Gedanken entwickelte, dass die russisch-polnische Revolution die Zarenherrschaft nicht durch eine bürgerliche Herrschaft ersetzen könne, sondern entweder zur Arbeitermacht oder zum Sieg des Absolutismus führe. Im Dezember 1905 fuhr sie nach Russisch-Polen und übernahm die Leitung ihrer Partei. Die Revolution hatte ihren Zenit aber schon überschritten. Rosa wurde im März 1906 verhaftet, und kehrte nach vier Monaten Gefängnis nach Deutschland zurück.

Rosa Luxemburg und »Massenstreik, Partei und Gewerkschaften«

Die russische Revolution erfüllte einen Gedanken mit Leben, den Rosa schon früher entwickelt hatte: dass Massenstreiks ein entscheidendes Element im Kampf der Arbeiter um die Macht bilden. Sie seien der Moment an dem der Kampf der Arbeiter um eine Reformierung des Kapitalismus in eine Revolution umzuschlagen beginne. Mit den neu gewonnenen Erfahrungen arbeitete sie diesen Gedanken in der Broschüre »Massenstreik, Partei und Gewerkschaften« heraus.

Kampf um die SPD

Zwischen 1905 und 1910 verbreiterte sich die Kluft zwischen Rosa Luxemburg und der Führung der SPD. 1907 sprach Rosa Luxemburg auf dem Kongress der Sozialistischen Internationale im Namen der russischen und polnischen Partei. Während der zwei Jahrzehnte vor Ausbruch des ersten Weltkriegs nahm in der Internationale die Unterstützung für den Imperialismus ständig zu. Zwar nahm der Stuttgarter Kongress Rosa Luxemburgs antiimperialistische Resolution an, aber nur mit einer mageren Mehrheit von 127 gegen 108 Stimmen. Von 1910 an war die SPD endgültig in drei Richtungen gespalten: die Reformisten, die den Imperialismus zunehmend offen unterstützten; das Zentrum, das in Worten radikal blieb, aber in Taten opportunistisch; und den revolutionären Flügel, der hauptsächlich von Rosa Luxemburg inspiriert wurde.

Rosa Luxemburg, die Parteiführung und der Erste Weltkrieg

Rosa Luxemburg glaubte nicht, dass die Parteiführung noch zu überzeugen war. Aber sie hoffte, dass diese Führung in einem Massenstreik von den Arbeitern »auf die Seite geschoben und die ökonomischen wie politischen Kämpfe ohne sie ausgekämpft werden.«

„Die Entscheidung der Parteiführung war ein schwerer Schlag für Rosa Luxemburg

Ihr Kampf gegen den Reformismus zwang Rosa Luxemburg zu betonen, dass die Arbeiter selbst die Revolution machen müssen, und nicht eine sozialdemokratische Parteiführung. Aber Rosa Luxemburg vergaß über diesen ersten Schritt den zweiten. Deshalb versäumte sie es, die Linke zu organisieren. Als der erste Weltkrieg ausbrach, riss die patriotische Welle beinahe alle Führer der Sozialdemokratie mit sich. Am 4. August 1914 stimmte die Parlamentsfraktion der SPD geschlossen für die Kriegskredite der kaiserlichen Regierung. Erst am 2. Dezember brach Karl Liebknecht die Fraktionsdisziplin und stimmte gegen die Kredite.

Rosa Luxemburg und der Spartakusbund

Die Entscheidung der Parteiführung war ein schwerer Schlag für Rosa Luxemburg. Weil sie es versäumt hatte, eine eigene revolutionäre Organisation aufzubauen, war ihr damit die Möglichkeit genommen, wirksame Kriegsopposition zu betreiben. Rosa ließ sich jedoch nicht von Verzweiflung überwältigen. An demselben 4. August traf sich eine kleine Gruppe von Sozialisten in ihrer Wohnung, und beschloss den Kampf gegen den Krieg aufzunehmen. Diese von Luxemburg, Liebknecht, Mehring und Zetkin geführte Gruppe bildete später den Spartakusbund. Vier Jahre führte Rosa Luxemburg, meist vom Gefängnis aus, die Revolutionäre.

„Die Sozialdemokratie hatten sich mit den alten Generälen gegen die Revolution verbündet

Die Novemberrevolution 1918

Im November 1918 brach schließlich die deutsche Revolution aus, und befreite Rosa Luxemburg aus ihrer Gefängniszelle (Lies hier den Artikel: »Novemberrevolution 1918: Eine andere Welt war möglich«). Die Bewegung der Arbeiter und Soldaten hatte die jahrhundertealte monarchistische Ordnung hinweggefegt. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie nicht nur den Kaiser, sondern alle 22 deutschen Könige und Fürsten entmachtet und die Grundlage für einen demokratischen Neuanfang gelegt. Wenige Tage nach Beginn der Proteste beendete ein Waffenstillstand das vierjährige Massenmorden des Ersten Weltkriegs. Der Aufstand der Arbeiter und Soldaten hatte die Möglichkeit geschaffen, die alten Eliten – das Militär, die kaiserliche Staatsbürokratie und die Unternehmer – endgültig zu entmachten.

Die Konterrevolution erhebt sich

Doch die SPD-Führung entschloss sich, stattdessen ein Bündnis mit diesen einzugehen. Wo sich die Räte – wie in Bremen oder München – weigerten, ihre Macht abzugeben, oder wo – wie in Berlin – die Revolutionäre weiter für ein Vorantreiben der Revolution kämpften, wurden sie durch das Bündnis der SPD mit den »alten Mächten« blutig niedergeschlagen. Der Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) schreckte dabei sogar vor dem Einsatz rechtsradikaler »Freikorps« nicht zurück. Tausende Arbeiter wurden ermordet. Am 15. Januar 1919 wurde Karl Liebknecht getötet. Am selben Tag schlugen rechtsradikale Soldaten mit einem Gewehrkolben auf Rosa Luxembugrs Kopf, bis sie bewusstlos war. Anschließend wurde sie vom Freikorps-Leutnant Hermann Souchon mit einem aufgesetzten Schläfenschuss erschossen. Ihre Leiche warfen die Soldaten in den Berliner Landwehrkanal. An dieser Stelle steht heute ein Denkmal mit ihrem Namen.

Rosa Luxemburgs Erbe

Kurz vor ihrem Tod gelang es Luxemburg, einen letzten Artikel zu schreiben. Er heißt »Die Ordnung herrscht in Berlin« und erschien in am 14. Januar in der Roten Fahne. In dem Text versucht sie den Arbeiterinnen und Arbeitern zu vermitteln, warum der Aufstand gescheitert war und wie er sich erneut erheben könnte. Sie schrieb: »Die Führung hat versagt. Aber die Führung kann und muss von den Massen und aus den Massen heraus neugeschaffen werden. Die Massen sind das Entscheidende, sie sind der Fels, auf dem der Endsieg der Revolution errichtet wird. […] »Ordnung herrscht in Berlin!« Ihr stumpfen Schergen! Eure »Ordnung« ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon »rasselnd wieder in die Höh’ richten« und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang erkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!«

Und tatsächlich: Die Deutsche Revolution erhob sich in den folgenden vier Jahren mehrfach erneut, aber die Kommunistische Partei, unerfahren wie sie war und einiger ihrer besten Führungspersonen beraubt, konnte nicht die nötige Führung bieten, um die herrschende Klasse zu besiegen. Ende 1923 war der revolutionäre Augenblick vorbei. Die Folgen dieses Versagens konnten kaum schwerwiegender sein. Die Freikorps, die Rosa Luxemburg ermordet hatten, bildeten bald den Kern von Hitlers Sturmabteilung, der SA. Die Sozialdemokraten, die sie von der Leine gelassen hatten, sollten bald in Hitlers Konzentrationslagern zugrunde gehen. Luxemburgs Mahnung, »Sozialismus oder Barbarei«, bewahrheitete sich im negativen Sinn: Die Hoffnung auf den Sozialismus wurde zerschlagen. Clara Zetkin schrieb über Rosa Luxemburg in der Leipziger Volkszeitung Heinrich Heine zitierend: »Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme.«

In Berlin erinnern jedes Jahr Zehnttausende an diese »Flamme« und beteiligen sich an den Demonstrationen zum Gedenken an die Todesfälle von Luxemburg und Liebknecht. Die Freikorps konnten Rosa Luxemburg ermorden, doch ihre Ideen werden noch so lange zu uns sprechen, wie der Kampf zwischen den Ausbeutern und den Ausgebeuteten andauert.

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